Wladiwostok: Russlands Tor zum Pazifik

Wegen seiner schönen Lage in einer Hügellandschaft an der Pazifikküste und wegen seiner Buchten und Häfen hat der sowjetische Generalsekretär Nikita Chruschtschow diese Stadt einmal “das fernöstliche San Francisco” genannt. Wladiwostok ist eine russische Hafenstadt am Pazifik und der Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn , die seit 1903 eine direkte Verbindung mit Moskau ermöglicht.

Sieben Zeitzonen und 9.300 Kilometer Distanz (per Bahn) zwischen Wladiwostok und Moskau trennen das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt von Zentralrussland. Es ist deshalb stark durch die Orientierung auf die wesentlich näher liegenden Staaten China, Korea und Japan wie auch die ganze Pazifikregion geprägt. Ein Flug von Wladiwostok nach Tokio dauert übrigens nur anderthalb Stunden.

Klimatische Lage zwischen Suptropen und Sibirien

Die Winter in Wladiwostok sind für die Verhältnisse Sibiriens und des Russischen Fernen Ostens relativ mild: Temperaturen von unter 20 Grad Frost sind hier die Ausnahme. Dazu gibt es viele klare sonnige Tage. Im Frühjahr muss mit häufigen Nebel und Regentagen gerechnet werden. Auch die Sommer sind durch reichlich Niederschläge gekennzeichnet – die allerdings oft kompakt in Form von Wolkenbrüchen niedergehen – worauf alsbald wieder die Sonne scheint. Der Herbst ist in der Regel warm, trocken und sonnig.

Japanische Second-Hand-Autos statt Lada

Was im Stadtbild sofort auffällt, ist die totale Verdrängung russischer und europäischer Automarken durch günstige Gebrauchtwagen-Importe aus Japan: Fast alle Autofahrer in Wladiwostok sitzen deshalb auf der rechten Seite am Steuer! Allerdings ist dieses Import-Business wegen einer vor Ort heftig kritisierten Zollerhöhung Anfang 2009 fast völlig zum Stillstand gekommen.

Wladiwostok ist von zahlreichen Buchten, Inseln und Wasserstraßen umgeben. Hier begegnet man einem wunderschönen Nebeneinander der Natur des Nordens und des Südens: Neben Nordkiefern wachsen hier Schlingpflanzen und Ginseng. Ohne das Meer wäre Wladiwostok unvorstellbar, ihm hat es auch sein Monsunklima zu verdanken. Die am meisten entwickelten Industriebranchen sind darum Fischfang und Fischbearbeitung, Schiffbau, Holzbearbeitung, Energiewirtschaft und Lebensmittelindustrie.

Geschichte: Über den Osten herrschen

Das Umland des heutigen Wladiwostok wurde erstmals in den 1850-er Jahren von russischen Seefahrern erforscht. Der 1860 gegründete Vorposten auf der südlichen Spitze der Murawjew-Amurski-Halbinsel bekam (analog zu Wladikawkas) den Namen Wladiwostok, was “Beherrsche den Osten” bedeutet. Chinesische Fischer nannten den Ort damals allerdings weniger hochtrabend Hai-shan-wei (”Seegurkenbucht”). Im gleichen Jahr sicherte sich Russland in einem Vertrag mit China auch die Hoheit über den gesamten Küstenstreifen von der koreanischen Grenze bis zur Amurmündung.

1888 wurde der Festung der Status einer Stadt zuerkannt. Heute ist Wladiwostok die Hauptstadt des Verwaltungsgebietes Primorje (Primorski kraj, Küstenland).

Seit seiner Gründung war Wladiwostok das militärische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des russischen Fernen Ostens. Seine günstige Lage lockten Unternehmer, Übersiedler und Auswanderer aus ganz Russland , aus anderen Fernost-Staaten, aber auch aus Europa und sogar Amerika an.

Das Gebäude des Wladiwostoker Kaufhauses GUM war einst das Haupthaus der Firma Kunst & Albers. (Foto: ld/.rufo)

Das Gebäude des Wladiwostoker Kaufhauses GUM war einst das Haupthaus der Firma Kunst & Albers. (Foto: ld/.rufo)

Paradebeispiel dafür ist die von zwei Hamburgern hier 1864 gegründete Firma Kunst & Albers, die sich aus einem kleinen Gemischtwarenladen in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg zu einem regionalen Handelsimperium mit Kaufhäusern in allen Städten und vielen Dörfern des Russischen Fernen Ostens und der Mandschurei entwickelte. Das Handelshaus hatte auch Niederlassungen in Hamburg, Odessa, Moskau und Nagasaki.

Im Dialog der Kulturen

In der Sowjetzeit wurde Wladiwostok zur Hauptbasis der russischen Pazifik-Flotte und damit zu einer “geschlossenen Stadt”: Weder Ausländer, noch sowjetische Bürger durften die Stadt frei besuchen. Heute sind hier aber wieder viele Gäste aus China, Japan, Südkorea und anderen Ländern zu sehen – vorrangig sind es Studenten, Arbeitskräfte und Touristen. Wladiwostok zählt nur 600.000 Einwohner, macht aber dennoch den Eindruck einer recht internationalen Stadt.

Wladiwostok stellt eine einmalige Mischung westlicher und östlicher Kulturen dar. Es finden sich hier nur wenige moderne Hochhäuser (von den üblichen sowjetischen Wohnblocks einmal abgesehen), dafür hat Wladiwostok aber noch viele zierliche Bauten aus der Zarenzeit bewahrt. Ein Teil des Stadtzentrum ist das ehemalige Chinesenviertel (die “Millionka”) mit seinen malerisch-verwinkelten Hinterhöfen.

Zukunftsperspektive: Das Datum 2012

2012 soll in Wladiwostok ein Gipfel der APEC-Staaten stattfinden. Zu diesem Zweck wird auf der vorgelagerten Insel Russki (einst militärischen Sperrgebiet) ein Konferenzzentrum errichtet. Die Insel selbst wird durch eine neue Brücke mit dem Festland verbunden – die ihrerseits die Fortsetzung einer riesigen Hängebrücke ist, mit der die tiefe Hafenbucht, das “Goldene Horn”, für den Verkehr überquerbar gemacht wird. Damit sollte auch das notorische Verkehrschaos in Wladiwostok spürbar gemindert werden.

(Sehenswürdigkeiten rund um die Transsib-Endstation >>>/.rufo)

(Lothar Deeg/.rufo)

Kategorie: Allgemein, Aktualisiert am 7. Dezember 2009 von Redaktion | Anmelden